Wie können wir die Neuroplastizität unseres Gehirns nutzen?

| Kategorie: Psychotherapie

Durch das Fokussieren auf den Atem oder ein anderes Objekt während der Meditation werden Bereiche des Gehirns gedämpft bzw. betont, was zur Folge hat, dass Neurotransmitter aktiviert werden und Hormone ausschütten. Zum Beispiel das Motivation und Belohnungsgefühle erzeugende Dopamin, das wohlig-glücklich stimmende Serotonin, das aufmerksamkeitsstärkende Noradrenalin sowie Oxycytin, das Gefühle von Nähe und Verbindung erzeugt. Oxycytin spielt zum Beispiel bei Verliebten und der Verbindung zwischen Mutter+Vater und Baby eine große Rolle.

Besonders die buddhistische Metta-Meditation, die Meditation der »liebenden Güte« aktiviert Gefühle von Mitgefühl, Dankbarkeit, Liebe und Freude. Diese Emotionen entsprechen den so genannten Herzqualitäten und die damit einhergehenden Ausschüttungen von Hormonen durch Neurotransmitter fluten unser System und machen uns glücklich. Gleichzeitig stärken sie signifikant das Immunsystem.

Ein tieferer Blick in das Geschehen erlauben uns Forschungen über die Auswirkungen langjährig meditierender Mönche. Mönche bzw. gut geübte Meditierende haben die Fähigkeit trainiert, sich auf den Atem oder ein anderes Meditationsobjekt zu konzentrieren und die hereinströmenden Gedanken nicht aufzugreifen. Gedanken haben die Tendenz, Inhalte aus der Vergangenheit ins Bewusstsein zu bringen, die Anlass zu Sorgen geben oder sie bringen Befürchtungen für die Zukunft ins Bewusstsein, die Ängste verursachen. Das ist die Mischung, die uns im Alltag beschäftigt und bestimmte Gefühle hervorruft. Denn auch hier erledigen die entsprechenden Neurotransmitter ihre Aufgabe der Hormonausschüttung.

In der Meditation wird geübt, Gedanken weiterziehen zu lassen und sich nicht darin zu verwickeln, sondern immer wieder zum Meditationsobjekt zurückzukehren. Dadurch werden Areale des Gehirns ruhig gestellt, weil sie schlichtweg kein (Gedanken)futter bekommen. In der Folge werden bestimmte Prozesse unterbunden. Zum Beispiel wird die Amygdala, die die Kampf- oder Fluchtreaktion in Gang setzt, ruhiggestellt. Die Scheitellappen, die unsere Wahrnehmungen in Bezug auf unseren Körper und unsere Umwelt steuern und uns deutlich machen, wo der Körper endet und das Außen beginnt, sind ebenfalls in Ruhe versetzt. Wenn also die Angstfrequenzen unterdrückt sind und die Wahrnehmungen der Begrenzungen des eigenen Körpers eine untergeordnete Rolle spielen, entsteht ein Gefühl der Verbundenheit mit sich und der Welt. Wenn darüber hinaus die Aktivität des Neokortex, des denkenden, bewussten, jüngsten Teils unseres Gehirns, der Sitz des Bewusstseins über das »Selbst«, heruntergedimmt ist, erhöht sich die Verbindung zu anderen Wesen zusätzlich. Gefühle von Mitgefühl, Freundlichkeit, Liebe, Dankbarkeit werden intensiv erlebt.

Durch das wiederholte Training kann unser Gehirn buchstäblich umstrukturiert werden. Nichts anderes besagt der Begriff der Neuroplastizität unseres Gehirns. Wir können jederzeit den Startpunkt setzen, um andere, heilsamere neuronale Bahnungen zu erschaffen und das Erleben von mehr Mitgefühl, Liebe, Freude und Dankbarkeit in unser Leben zu bringen. Wenn nicht jetzt, wann dann in dieser herausfordernden Zeit, in der die gesellschaftlichen Anforderungen zunehmend so viel Gegeneinander statt Miteinander erzeugt haben, so viel vergleichen, besser sein müssen, sich behaupten müssen und so weiter. Wenn also nicht jetzt, wann dann, wenn nicht wir, wer dann? Lasst uns unsere Gehirn umstrukturieren und neuronale Verknüpfungen ins Miteinander, ins Füreinander, in Mitgefühl, Liebe, Freude und Dankbarkeit bahnen.

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